Termine

22.09.2010 - 19:00 h

Weil Lachen hilft

Maturaprojekt der BHAK Korneuburg: mit Susanne Pöchaker und Christoph Eder

Karten unter: 0681/ 10 22 02 08 oder 0676/744 08 79

Coming Soon

Sketches

Comedyserie von Julia Frick. Demnächst auf Ihren Bildschirmen.

Hans

Eigentlich sprach er immer sehr komplizierte Sätze. Das nehme ich an, ist der Grund warum ich diese Geschichte nur mehr oder weniger rudimentär wiedergeben kann. Aber es begann an einem schlechtbewetterten Dezembertag in der zweiten Dezemberhälfte des letzten Jahrtausends. Es liegt nun auch schon etwas lange her. Aber ich gebe mein Bestes. Johann, er wurde von allen eigentlich nur Hans genannt, war oder besser gesagt ist immer noch einer, der zu meinen besten Freunden zählt. In meiner Jugend habe ich viel Zeit mit ihm zugebracht. Zwangläufig, denn ich ging mit ihm in die selbe Klasse. Zu der Zeit wurde er Hansi gerufen. Ein Einfall irgendeiner Stieftante wahrscheinlich, denn es zeugt nicht gerade von Liebe, sein eigenes Kind gerade so zu nennen; Hansi. Mir schaudert. Hansi war zu dem Zeitpunkt gleich alt wie ich. Ich meine das natürlich nur rhetorisch, denn er ist natürlich heute immer noch genauso alt wie ich, aber damals war es von entschiedenerer Wichtigkeit, der wir aber erst heutzutage die Bedeutung zumessen, die sie damals schon hatte. Aber ist es nicht bei den meisten Dingen so, dass man erst Jahre später bemerkt, wie wichtig was war und dass man das eine oder andere Ereignis mit mehr Interesse verfolgt hätte, wenn man vorher schon gewusst hätte, dass... Aber lassen wir das. Kommen wir auf den eigentlichen Punkt der Sache zu sprechen. Also es war ein Dezembertag, ein schlechtbewetterter. Das ist übrigens auch einer von Hans’ Ausdrücken mit denen er seine Umgebung zu terrorisieren versuchte. Er quälte gerne seine Mitmenschen mit neuerfundnen Ausdrücken. Und schlechtbewettert war eben einer von diesen. Oder zum Beispiel rückverkehrt. Das war überhaupt sein Lieblings-ausdruck um einem in unserer Stadt Fremden den Weg zu erklären. Geradeaus war ihm einfach zu gewöhnlich. So wie er einen Menschen auch nie schimpfte. Das war wohl seine bemerkenswerteste Eigenschaft. Er schimpfte Menschen nie. Ging ihm jemand ordentlich auf die Nerven, so nannte er ihn schlichtweg Unfreund. Und Unfreunde hatte er genug. Damals in der Schulzeit, als wir gemeinsam die Schulbank drückten. Aber das ist ein völlig anderes Thema von dem ich zwar ebenso gerne wie ausführlich berichten will, jedoch ein andermal, wenn es passt. Die Geschichte, die ich allerdings aufs Tapet bringen will handelt – oder besser – beginnt an dem bereits erwähnten schlechtbewetterten Dezembertag. Hans hasste den Dezember, der ganze Trubel um den Jesusgeburtstag, so nannte er das Weihnachtsfest, ging ihm ziemlich auf die Nerven. All die einkaufswütigen Menschen, die gehetzt von Laden zu Laden, von Kaufhaus zu Kaufhaus und von Versandhauskatalogen zu Versandhauskatalogen eilten, das war nichts für ihn. Lieber waren ihm die herrlich warmen und knospensprießenden Frühlingstage des späten April mit den ersten lauen Abenden und den trotzdem immer noch kalten Nächten. Denn er war kein Sommermensch. Die Hitze machte ihm zu schaffen. Damals schon als Kind. Aber den Frühling hatte er gerne. Jedes Jahr von Neuem machten wir uns auf die Suche des unbekannten Wiedererwachens der Natur zum neuen Leben. Nur darauf ausgerichtet, möglichst viele Nachkommen zu reproduzieren, um im Herbst dann wieder in Depression zu verfallen. Die Natur. Hans war nie depressiv. Ich denke auch, dass er es nie werden wird. Den einzigen Anlass zur Sorge gab er mir nur in der Auswahl seiner Frauen-bekanntschaften im Lenz. Aber ich denke, dass da einfach nur seine Hormone mit ihm durchgegangen sind. Obwohl ich ihm keinen schlechten Geschmack nachsagen konnte. Aber ich verzettle mich schon wieder. Es tut mir leid. Um nun auf das eingehen zu können was an jenem Tag, schlechtbewettert, in der zweiten Dezemberhälfte in einem Jahr des vorigen Jahrtausends vor sich ging, muss ich erst noch folgendes kurz anschneiden: Hans war kein Streber in der Schule, zumindest nicht für meine Verhältnisse. Er hatte immer Zeit für mich, der ich zu seinen Nichtunfreunden zählte, und deren Zahl war gering bemessen, für allerhand Schabernack und seinen Chemiebaukasten. Dieser Chemiebaukasten wird eben noch eine entscheidende Rolle spielen. Merken sie sich das bitte. Seine zweite Leidenschaft galt der Musik. Allerdings nur passiv. Ich selbst spielte zwei oder drei Instrumente und sang auch nicht schlecht; Hans stellte meine Muse dar. Er konnte zwar kein Instrument, aber alle Tipps die er mir im Umgang mit Flöte, Violine und Klavier – es waren tatsächlich drei Instrumente, die ich zu spielen gelernt hatte – hatten Hand und Fuß, wie man so sagt. Er ging von seinem Gefühl im Bauch aus. Und ich konnte mit seinem Gefühl und meiner Übung bei so manchem konzertanten Auftritt wohl den einen oder anderen Applaus für mich behaupten. Aber kommen wir auf den Chemiebaukasten zurück. Zum Jesusgeburtstag 1985 hatte er ihn von seinen Großeltern, sehr zum Missfallen der Eltern, denn sie fürchteten, er könne damit das Haus bis auf das Fundament zum Einsturz bringen, geschenkt bekommen. Natürlich, es war ein Haus aus der Zwischenkriegszeit und die Bausubstanz nicht mehr die, wie man sie von einem Neubau erwarten hätte können, wenn man diesen Neubau in Eigenregie errichtet. Überhaupt waren seine Eltern sehr ängstlich. Sie verbaten Hans sogar einmal sich im nahe-gelegenen Fluss mit einer Luftmatratze abtreiben zu lassen, weil sie gehört hatten dass vor etlichen Jahren bei einem solchen Versuch beinahe jemand ertrunken wäre. Aber ich glaube, dass sie auch schon frühzeitig das Genie in Hans entdeckten und Angst hatten, er könne irgendwann einmal wahnsinnig werden, wie es allen großen Genies irgendwann einmal ergehen könnte. Der Chemiebaukasten stellte nun ab dem besagten Jesusgeburtstagsfest einen seiner Lebensmittelpunkte dar. Er hatte es sich fest vorgenommen, alle Geheimnisse der Stoffkunde zu erforschen und Schriften darüber zu verfassen. Er interessierte sich überhaupt sehr für alles naturwissenschaftliche. Ich möchte behaupten, dass die naturwissenschaftlichen Fächer in der Schule zu seinen Lieblingsgegenständen gehörte. Da brillierte er immer vor den Lehrern und Mitschülern, er hatte uns damals Bildungsgefährten, die Lehrer Niveauerweiterer genannt, gleichsam. Ich bewunderte Hans damals, rückblickend darf ich behaupten dass ich sicherlich sein größter Bewunderer war, als er uns mit spielerischer Leichtigkeit Reaktions-gleichungen, die Heisenbergsche Unschärferelation und Algorithmen erklärte. Aber an dem bereits erwähnten Dezembertag, schlechtbewettert, in der zweiten Monatshälfte geschah das für mich unfassbare. Nicht, dass Hans für Berechenbarkeit bekannt war, denn mehr als nur einmal musste ich über seine Schwankungen von einem Extrem zum Anderen sowohl lächeln und lachen als auch nachdenken und bedrückt sein. Wie oft stieß er mich vor den Kopf mit spitzen Bemerkungen, die ich nie vermutet hätte, mit Ausdrücken, deren ich mir sicher war, nie in seinem Wortschatz zu finden. Wie oft erregte er Aufsehen mit Leistungen, die ich und andere ihm weder zugetraut noch irgendwie angemaßt hätten. Aber der schlechtbewetterte Dezembertag, den ich nun schon etliche Male erwähnt habe, belehrte uns über Hans, meinen Freund und ehemaligen Bildungsgefährten, meiner Muse und meines philosophischen Mentors. Nun komme ich endlich auf den Punkt: Er war nicht zuhause, obwohl er mir noch am Vortag versichert hatte, da zu sein, wenn ich käme. Ich besuchte ihn regelmäßig. Aber an diesem Tag war er nicht zuhause. Und auch nicht am nächsten. Und am übernächsten ebenfalls nicht. Das ist nun schon zwei Jahre her. Ich besuchte seine Wohnung noch oft. Seine Eltern ließen nach drei oder vier Wochen die Wohnung aufbrechen, es hatte niemand einen Zweitschlüssel, alles war fein säuberlich aufgeräumt, bis auf den Staub, der sich zwangsläufig nach einer gewissen Zeit ansammelt. Hans war immer ein ordentlicher Mensch gewesen, solange ich mit ihm Kontakt hatte. Die Polizei durchsuchte die Wohnung. Seine Sparbücher waren abgehoben, das Bankkonto geleert und gelöscht. Sein Reisepass lag im Mauersafe. Ein Zettel in Maschinschrift hing an ihm: Ich bin weg! Hans. Das war alles. Zuerst hielten es alle für einen Scherz, soweit man das nach dieser Zeit noch als solchen bezeichnen konnte. Als der Sommer aber dem Frühling wich, und Hans immer noch nicht aufgetaucht war, ließen seine Eltern die Wohnung räumen und vermieteten sie unter dem üblichen Preisniveau an eine Austauschstudentin aus Griechenland. Bei der Durchsicht seiner Habseligkeiten stellten sie dann fest, dass drei Paar Socken, drei Garnituren Unterwäsche, ein Anzug, zwei Hemden, eine Hose, ein Paar Schuhe, ein Mantel und der Chemiebaukasten fehlte. Vorletzte Woche habe ich Hans wieder gesehen. Er war im Fernsehen. In Stockholm nahm er den Nobelpreis für Chemie entgegen. Vielleicht muss die Studentin nun wieder ausziehen, aus seiner Wohnung. Schade, ich hatte sie oft besucht.

Kurzgeschichte

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