Gedanken eines Mörders
Sollte man mich ertappen, sollten gewisse Menschen dahinterkommen, dass ich es gewesen bin, der das angerichtet hat, dann werde ich es vorerst abstreiten. Vielleicht werde ich aber auch gleich geständig sein. Je nachdem, wer es als erstes bemerkt. Aber ich konnte ja eigentlich gar nichts dafür. Eigentlich. War er nicht selbst daran Schuld? Ja sicher, ich hätte es verhindern können. Oder zumindest hätte ich seine Flatterhaftigkeit mehr in Betracht ziehen können. Aber so ist es nun mal. Zum jetzigen Zeitpunkt kann ich es nicht mehr ändern. Ich kann Geschehenes nicht mehr rückgängig machen. ‚vielleicht aber wird es vorerst niemand bemerken, bis ich mich aus dem Staub gemacht habe, oder es auf jemanden anderen schieben kann. Aber das sind alles bislang vage Vermutungen. Während meines Sinnierens ob dem Entgang der Bestrafung hätte ich nun beinahe das Aufsperren der Wohnungstür unbemerkt gelassen, die Schergen der Rache treten ein. Jetzt ganz Ruhig und nichts anmerken lassen. Freundlich begrüßen. Nett sein. Mit Schokolade aus dem eigenen Vorrat vielleicht meinen Guten Willen bezeugen? Oder ist das bereits ein Eingeständnis, ein schwerwiegendes Verbrechen begangen zu haben? Aber nein, Mörder begrüßen ihre Polizisten nie mit Schokolade. Zumindest nicht im Film. Also doch Schokolade. Oder diese ausgezeichneten Bonbons, die ich seit über zwei Jahren in einem Geheimversteck auf meinem Schreibtisch verwahre. Eigentlich komisch, dass, obwohl von dessen Existenz, weder des Verstecks noch von den sich darin lagernden süßen Schätzen, jemand weiß, die Anzahl der Bonbons nimmt von mal zu mal ab. Wahrscheinlich eine Art Geist, die sich klammheimlich daran zu Schaffen macht, während ich mein Haupt von den Anstrengungen des Tages zu nächtlicher Stunde zur Ruhe bette um in den Schlaf zu fallen. Niemand glaubt an die Existenz dieses Geistes, obwohl ich ihn doch von Zeit zu Zeit vor dem Einschlaffen sichte. Die Eingetretenen nehmen die ganze Kälte des Winters mit herein in die Gute Stube. Ich war zuviel in Gedanken versunken. Sowohl für Schokolade als auch für die Bonbons aus meinem Geheimversteck ist die Zeit nun schon zu weit fortgeschritten, der Lagerplatz der Köstlichkeiten zu weit entfernt. Ich mache Gute Mine zum bösen Spiel. Freundlich lächelnd begrüße ich die Angekommenen und interessiere mich höflich verbal nach deren werten Befinden. Die schlechte Laune der Beiden rückt mir zu Leibe und verheißt nichts Gutes. Ob sie es vielleicht schon wissen? Aber nein, wie denn auch, wenn die Tat doch erst vor wenigen Minuten begangen wurde. Oder haben die Beiden bereits die Leiche entdeckt. Mulmigkeit überkommt mich bei dem Gefühl bereits ertappt worden zu sein. Aber hätte ich es wirklich verhindern können? Nein. Oder doch. Meine Zweifel lasten auf mir wie ein bleischweres, schwarzes Tuch. Sieht man es mir an? Ich versuche mit aller Kraft meinen Mundwinkeln ein Lächeln abzugewinnen. Die Knie werden mir weich. Nun heißt es Haltung bewahren. Ich kann es nicht. Ich werde geständig sein. Vielleicht bringt das Milde im Strafvollzug. Aber, wenn sie es doch noch gar nicht wissen, wozu sollte ich den Arm des Gesetzes dann gleich auf mich bringen, wenn die Leiche noch nicht gefunden, die Tat noch nicht entdeckt wurde? Warum bei allen Heiligen, sollte ich den dann sagen, dass ich es war, der es getan hatte. Konnte ich denn wirklich etwas dafür? Er selbst wollte es so. Ich war nur der Ausführende Teil. Die Hilfeleistung, der Handlanger, das eigentliche Opfer. Schuldgefühle schütteln bereits die Hälfte meines Körpers. Die Weichheit der Knie haben sich nun auch schon auf Becken und Arme ausgebreitet. Das Lächeln wurde zur Qual. Hätte ich nun diese Schokolade in Händen, ich würde nicht ein Stück anbieten können. Kurz bevor meine Großmutter starb, hatte auch sie so zittrige Hände. Jeder meinte es wäre eine Erlösung, wenn der Schnitter sie doch hole. Sie selbst schloss sich dieser Meinung ebenfalls an. Oder hat sogar sie jene Meinung aufgebracht? Ich weiß es nicht mehr. Der Tod ist gerecht, sagt man. Warum sollte dann derjenige, der den Tod bringt nicht auch gerecht sein? Die beiden Ankömmlinge sehen merkwürdig in die Räume, in die man vom Vorzimmer aus sehen kann. Wieder überkamen mich die Zweifel, ob sie es bereits wussten und auf ein Geständnis von mir warteten oder ob sie sich einfach nur so umsahen. Ich macht kehrt und ging auf mein Zimmer, das sie nicht einsehen konnten. Ich ging auf meinen Geheimsüßwarenvorrat zu und öffnete ihn, natürlich genau beobachtend, dass mir niemand gefolgt war. Ich bemerkte, dass wieder einige meiner Bonbons fehlten, nahm aber heute nicht besonders viel Kenntnis davon, weil es mir im Grunde genommen, aufgrund der Schwere des Verbrechens dessen ich mich mehr oder weniger Schuldig bekannte, egal war. Plötzlich wurde es mir klar, ich war ein Mörder. Ich war ein Mörder. Er hatte doch keinen eigenen Willen. Ich musste es eigentlich wissen. Nicht die Freiwilligkeit, der Instinkt trieb ihn zum offenen Fenster. Aber es war doch auch ein Unglück. Ich hatte nur für kurze Zeit dieses Fenster geöffnet. Schwermütig, noch ein zweites Bonbon in mich hineinstopfend kehrte ich zu den Beiden großgewachsenen Persönlichkeiten zurück. Als ich bei ihnen angekommen war, senkte ich meine Kopf so tief ich nur konnte und war mir meiner Schuld bewusst. Es bedurfte mehr als nur meines ganzen Mutes, die beiden anzusehen. Ich konnte es nicht. Ein arges Kribbeln beschwor sich vom Bauch herauf, umfasste mit ganzer Kraft meine Magen, dann den Brustkorb, bis schließlich ein immenser Druck in meinen Schädel kam, der mir das Wasser in Nase und Augen trieb. Die hervorquellenden Tränen liefen schwer die Wangen herunter und kitzelten mich, sodass dies nur meinen Nasenausfluss noch ansteigen ließ. Jetzt hatte ich endlich die Kraft und den Mut die Beiden anzusehen. Ich blickte in die erstaunten Gesichter meiner Eltern, die nicht verstanden, was mit mir lossei. Und bereute zutiefst was ich da soeben tat, denn anscheinend hatten sie es doch noch nicht bemerkt. Aber gleichzeitig wusste ich um die Tatsache bescheid, dass es nur eine Frage von stunden war, ehe sie mich letztendlich zur Rede stellen werden. Ich rang um Worte. Nur mit Mühe bekann ich mein Geständnis und unter Schluchzen und heulen verriet ich ihnen, dass unser von allen innigstgeliebter Wellensittich es nicht mehr in der Enge seines Käfigs ausgehalten hatte.